Dienstag, 1. Dezember 2015

Frau Gurkenhals erzieht! Und zwar ganz anders als geplant

Wir kennen das doch alle. Aus unser kinderlosen Zeit (Was? Die gab es mal? Muss eeeewig her sein...). Typische Situation. Man sitzt mit seinem Lebensabschnittsgefährtem (vielleicht auch ohne Abschnitt) in einem schicken Restaurant (nein, nicht Mc Doof), bei Kerzenschein (Messer, Gabel, Schere, Licht...), der Kellner serviert die dritte Vorspeise (ja, damals hatte man noch Zeit für Dekadenz), man schaut sich verliebt in die Augen (und sucht nicht panisch nach seinen Kindern), führt interessante Gespräche (ohne Babysprache)...hach, es könnte so schön sein. Wenn, ja wenn da nicht dieses Balg am Nachbartisch wäre. Das die ganze Zeit brüllt "Mamaaaaa, KETSCHUP", mit der Gabel den neusten Beat erfindet, den Finger permanent in der Nase vergraben, Pommes quer durchs Restaurant schießt und zwischendurch immer mal wieder seinen Platz verlässt um ein Wettrennen mit sich selbst vorbei an sämtlichen Tischen des Gasthauses zu veranstalten. Dann entwischte einem nicht selten der Satz: "Also bei mir gäbe es das nicht!" Nein, da würde das Kind brav am Tisch sitzen bleiben, die Hände zum Gebet gefaltet, fein mit Messer und Gabel essend und natürlich stille, herrliche Stille...

*krach*

Huch, bin eben lachend vom Stuhl gefallen. Moment, ich muss mich kurz fangen. Wie sagt man so schön? Arglos ist man nur einmal, dann beginnt die Erfahrung. Ach ja, wie naiv wir doch waren. Wie anmaßend zu denken, wir könnten es besser. Und doch meinte man es ja nie böse. Jeder hat seine Wünsche und Vorstellung, wie man später mal seine Kinder erziehen möchte. Was aus ihnen werden soll. Auch ich hatte ganz bestimmte Ziele für die Erziehung von Theo. Irgendwie ein Mix aus liberal und konsequent sollte es werden. Ich wollte auf keinen Fall alles durchgehen lassen aber ihm auch viele Entscheidungen selbst überlassen. Auf keinen Fall wollte ich eine Mutter werden, die ihrem Kind alles vorschreibt und eine kleine Marionette heranzieht.

Doch dass dieser Grad schmal ist, musste ich in 2,5 Jahren Mama sein immer wieder feststellen. Denn ganz so super finde ich es nicht, wenn Theo meint seine Mahlzeiten im 5 Minutentakt unterbrechen zu müssen, um dieses oder jene Spielzeug zu holen. Dann sitzen zwei kleine Stimmen in meinem Ohr. Die eine sagt: Mensch, lass ihn doch. Er ist noch so klein. Und er hat Hummeln im Hintern. Hauptsache er isst überhaupt etwas, egal wie. Die andere Stimme hingegen sagt: Eigentlich möchte ich schon in Ruhe essen. Und was denkt denn die Schwiegermutter, wenn er nicht mal die halbe Stunde hier sitzen kann. Und außerdem klappt es in der Kita doch auch. Basta! Meistens entscheide ich dann aus dem Bauch heraus. Wenn ich merke er hat eigentlich keinen Hunger, dann soll er eben spielen gehen. Wenn ich aber extra sein Lieblingsessen gekocht habe und der Herr nach 2 Bissen einen Nachtisch verlangt, dann bleibe ich hart. Nicht selten endet das in Tränen aber damit kann ich ganz gut umgehen.

Anderes Beispiel. Erpressung. Nie nie nie!!! wollte ich eine Mutter sein, die ihr Kind erpresst. Auf welchem Wege auch immer. Tja..."Theo, wenn du jetzt schnell mit nach Hause kommst, bekommst du auch ein Überraschung-Ei". Gott, ich fühle mich schon schrecklich dabei das nur aufzuschreiben. Aber manchmal geht es einfach nicht anders. Besonders wenn man noch ein Baby dabei hat, welches vor Hunger oder Langeweile brüllt. Dann habe ich einfach keinen Bock auf einen Machtkampf. Und es funktioniert ja. Also warum nicht ab und zu benutzen, um schneller ans Ziel zu gelangen.

Entscheidungen treffen lassen, ja auch das ist so eine Sache für sich. Kinder wollen Ernst genommen werden, das ist mir klar aber auch ich habe Bedürfnisse und auch eine ganze Menge mehr Erfahrung als mein kleiner 2,5 Jährigem Knirps. Ich weiß zum Beispiel, dass Nudeln zwar irre lecker sind aber nicht so wirklich geeignet, um sich monatelang täglich davon zu ernähren. Ich weiß außerdem, dass Schokolade und sämtliche andere Süßigkeiten keine unerschöpfliche Quelle sind und dass stundenlanges Feuerwehrmann Sam gucken keine sinnvolle Freizeitbeschäftigung ist.

Natürlich würde ich mein Kind also gerne fragen " Was möchtest du heute essen?" aber wenn ich immer wieder die gleiche Antwort erhalte, muss ich auch mal einschreiten und selbst die Entscheidung treffen. Genauso geht es mir im Alltag. Draußen regnet es in Strömen, ich stelle die Gummistiefel bereit und plötzlich bekommt Theo einen riesigen Wutanfall, weil er lieber die grünen Sandalen anziehen möchte. Da gibt es jetzt die eine Fraktion Eltern die sagen, na gut, er wird schon merken wenn die Füße nass sind und dann gibt es die, die hart bleiben und erst das Haus verlassen, wenn das richtige Schuhwerk im Einsatz ist. Ich sag es euch gleich, ich gehöre zur zweiten Gruppe, denn gewisse Dinge entscheide einfach ich. Das überrascht mich selbst ein wenig, denn es passt so gar nicht in meinen "Erziehungsplan", den ich mal als Kinderlose im Kopf hatte, liberale Erziehung sieht wohl anders aus. Aber auch hier hat sich mein Weg geändert, genauso wie ich im Gegenzug keinen Anfall bekomme, wenn Theo beim Essen herumrennt.

Eigentlich will ich damit nur sagen, dass man sich noch so viel vornehmen kann, am Ende kommt es immer anders. Jeder muss seinen Weg finden, wie man erziehen möchte, ob man überhaupt erziehen möchte, denn alleine das Wort Erziehung stößt vielen Eltern bereits negativ auf. Was mir wirklich wirklich wichtig ist, versuche ich durchzusetzen und ansonsten wäge ich ab, wo muss ich eingreifen, wo kann ich ihn machen lassen. Alles ohne Druck und vor allem ohne Strafen wenn es mal nicht so klappt. Dafür mit ganz viel Liebe, denn jede Mama will nur das beste für ihr Kind!

So und nun noch mal zurück zum Anfang. Nämlich der Situation im Restaurant. Wie löst Familie Gurkenhals das heute, um 2 Kinder und viele Erfahrungen reicher als damals? Ganz einfach...gar nicht. Ich finde einfach ein 2,5 Jähriges Kind sollte nicht gezwungen werden still im Restaurant zu sitzen also meiden wir solche Locations einfach. Entweder wir suchen uns ein Café mit Spielecke oder wir bleiben einfach zu Hause, kochen gemeinsam und brauchen so keine Angst vor vorwurfsvollen Blicken vom Nachbartisch haben!

Amen!